Reihe Verschwörungstheorien

Corona und die Rechte

COVID-19, Coronavirus, Corona-Krise, Corona-Expert*innen – es scheint fast, als passiere neben Corona nichts mehr und alles würde zu einer Nebensache. Ohne Zweifel, der globale Ausbruch des neuartigen Virus hat einschneidende Auswirkungen und offenbart zugleich strukturelle Probleme der Gesellschaft: Die prekären Arbeitsbedingungen im unterfinanzierten Gesundheitssystem, die Folgen des europäischen Grenzregimes oder die psychischen Folgen sozialer Isolation.

Nach dem rassistischen Anschlag von Hanau konnte eine kleine Verschiebung des öffentlichen Diskurses beobachtet werden, rechter Terror stand deutschlandweit im Fokus, Fragen zur Rolle der Polizei und des Verfassungsschutzes in Kontexten rechter Gewalt wurden laut. Es konnte einen das Gefühl beschleichen, dass eine breitere Öffentlichkeit endlich verstanden hatte, wie relevant und fortgeschritten das Problem rechten Terrors und rechter Unterwanderung des Staates und der Behörden ist. Durch die aktuelle Corona-Pandemie geriet all das in den Hintergrund, niemand spricht mehr über Hanau. Doch rechte Ideolog*innen, Neonazis, Reichsbürgerinnen, Verschwörungstheoretikerinnen und all die anderen Menschenfeinde sind weiterhin aktiv. Da für viele (neu-)rechte Bewegungen die sozialen Medien eine zentrale Rolle bei der Verbreitung ihrer Ansichten spielen, gibt es trotz Corona keinen Grund für Antifaschist*innen sich auszuruhen. Beispielhaft für neonazistische Agitation in Verbindung mit dem Corona-Virus ist ein Aufruf US-amerikanischer Neonazis, gezielt Jüd*innen mit Corona anzustecken, offen zu Tage tretender anti-asiatischer Rassismus oder, um ein lokales Beispiel zu nennen: Eine Medienplattform um Frank Auterhoff, einem ehemaligen Nürnberger NPD-Kader. Dort sinniert er über die „Großindustrie“, welche als klarer Profiteur aus der Corona-Pandemie hervorgehen würde und gießt damit Öl ins Feuer aller rechten Verschwörungstheoretiker*innen. Doch ob regional oder international: An diesen Beispielen zeigt sich stets der gruppenbezogen menschenfeindliche Charakter rechter Verschwörungstheorien.

Auch abseits der Straße bleibt es unsere Aufgabe als Antifaschist*innen neonazistischen, (neu-)rechten und verschwörungstheoretischen Aussagen und Pamphleten offensiv gegenüber zu treten, widerständig zu sein und sie als das zu entlarven was sie sind: Antisemitisch, rassistisch und autoritär. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle der Themenbereich „Verschwörungstheorien und Corona“ näher beleuchtet werden und die verbreitetsten Theorien kurz dargelegt und eingeordnet werden.

Weiterlesen:
Jungle World: Das Virus mit dem Aluhut
Belltower News: Verschwörungserzählungen und Rassismus. Was Hält die rechte Szene von Corona?


Corona und Bevölkerungspolitik

Extrem rechte Akteure wie die Identitäre Bewegung (IB) verbreiten bereits seit Jahren die Verschwörungstheorie eines „großen Austauschs“. Es wird behauptet Eliten würden die weißen, europäischen „Völker“ gegen Bevölkerungsgruppen aus Afrika oder dem Mittleren Osten, austauschen wollen. Dieser Rassismus, der auch gerne hinter dem Wort „Ethnopluralismus“ versteckt wird, findet sich auch in Deutungsversuchen der aktuellen Krise durch die „Neue Rechte“ wieder. So postete einer der Köpfe der österreichischen IB kürzlich ein Video, in dem die These „Multikulti + Corona = Bürgerkrieg“ diskutiert wird. Auch der lokale Ableger der IB, der eigentlich nur noch in den sozialen Medien wahrnehmbar ist, teilte dieses Video und versuchte auch mit anderen Videos und Artikeln, den Anschein zu erzeugen, dass Corona genutzt werde um Geflüchtete nach Deutschland zu bringen. Die Wirklichkeit schaut jedoch etwas anders aus: Flugzeuge werden gechartert um Abschiebungen um jeden Preis zu ermöglichen. Im Geflüchtetenlager Moria auf Lesvos harren parallel dazu 20000 Menschen unter katastrophalen hygienischen Bedingungen aus. 
Andere Verschwörungstheoretiker*innen behaupten sogar, dass das Coronavirus gezielt zur Bevölkerungsdezimierung eingesetzt werde. Hinter diesen „Machenschaften“ steht wahlweise Bill Gates, Georg Soros, aber in den meisten Fällen der Staat Israel, bzw. Jüd*innen.
Aus Reihen der Nürnberger NPD hingegen gibt es ganz andere Erklärungsansätze. Ein Funktionär postete die Vermutung, dass es sich bei dem Virus um „die Strafe Gottes für den Multikultiwahn“ handle.

Weiterlesen:
Pro Asyl: Nichts dazugelernt: BMI chartert erneut Abschiebeflieger für eine einzelne Frau.


Corona als angebliche Erfindung der Pharmaindustrie

Eine weitere Verschwörungstheorie zum Thema Coronavirus, die auch hier lokal großen Anklang findet, ist die Theorie, dass es sich um ein Produkt der Pharmaindustrie handle. Diese habe den Virus, der eigentlich nicht schlimmer als eine saisonale Grippe sei, in einem Labor gezüchtet. Und nicht nur das, angeblich wurden das Patent schon vor mehreren Jahren eingereicht. Auch ein Impfstoff soll bereits existieren, der je nach Quelle u.a. aus Quecksilber oder Hamster-Eierstöcken bestehen soll. Das Ziel der Pharmaindustrie ist es hierbei laut Verschwörungstheoretiker*innen eine weltweite Impfpflicht durchzusetzen, indem selber die Notwendigkeit für eine solche geschaffen wird. In der Region wird diese Theorie von Menschen der „Gelben Westen Nürnberger Land“ verbreitet. Während die Gelbwesten in Frankreich meist für emanzipatorische Proteste stehen, handelt es sich hierbei um einen kruden Haufen, der allerlei rassistische Ressentiments bedient und teilweise Verbindungen in rechtsterroristische Strukturen hatte. Auch eine Medienplattform um den ehemaligen NPD Funktionär Frank Auterhoff, verbreitet diese Theorien.
Eine andere These ist die, dass es eigentlich gar keinen Coronavirus gebe sondern dass dieser nur eine Tarnung sei um die Folgen der neuen 5G Technologie zu verschleiern. Diese sei angeblich in der Lage ganze Menschengruppen auf einmal umzubringen und wurde zuerst in Wuhan getestet, wo Covid-19 ausbrach. Diese Theorie ist aus mehreren Gründen völliger Schwachsinn: Erstens war Wuhan nicht die erste Region in der 5G getestet wurde, zweitens erklärt das natürlich nicht die weltweite Verbreitung.

Weiterlesen:
The Guardian: How false claims about 5G health risks spread into the mainstream


Corona als „Plan der Eliten“

Einer der Klassiker unter den Verschwörungstheorien tritt natürlich auch in Zeiten des Coronavirus auf den Plan: die geheime Weltelite. Die Bezeichnungen für diese gehen von der angesprochenen Weltelite, über die „Hochfinanz“ oder „Großindustrie“ bis hin zur „new world order (NWO)“. Allen gemein ist die Ansicht, dass es eine kleine Gruppe von Mächtigen gibt, welche die bisher bekannte Ordnung auf der Welt verändern möchten, beziehungsweise allgemein das Weltgeschehen lenken. Damit einher geht die Annahme, dass Politiker*innen und sonstige (vermutliche) Entscheidungsträger*innen „von oben“ gesteuert werden, sprich „Marionetten“ sind. Dem liegt ein antisemitisches und rassistisches Weltbild zugrunde. So ist der einzige Ausweg, eine „„befreiende Revolution in Gange“ zu bringen, die seit jeher mit antisemitischen Pogromen und Vernichtungsfantasie einhergeht. Die geforderten Revolutionen sind zudem auf nationalistisch-rassistisch definierte, exklusive „Volksgruppen“ ausgelegt: ein Volk – ein Boden.

Auch hier in der Region gibt es Beispiele für diese Form der Verschwörungstheorien, unter Anderem: die in anderen Texten bereits angesprochene Medienplattform rund um den ehemaligen Nürnberger NPD-Kader Frank Auterhoff. Neben der Feststellung es handele sich bei Corona um eine bereits 2014 entwickelte Krankheit, welche mutmaßlich absichtlich in Wuhan/China „freigelassen“ wurde, wird die „Großindustrie“ als Profiteur dieser Pandemie genannt, da vor allem Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen sterben, welche meist nicht mehr produktiv sind und der Mittelstand vorsätzlich zerstört würde, was ebenfalls der „Großindustrie“ nütze. Seine Antwort: Grenzen dicht, „unsere“ Bevölkerung schützen. An dieser Stelle zeigt sich deutlich der exklusive Charakter verschwörungstheoretischer Pamphlete: es geht darum Deutsche zu schützen, sonst niemanden.


Fazit

Knapp zwei Monate sind seit dem Anschlag in Hanau vergangen, doch das Thema rechter Terror, seine Netzwerke und seine gesellschaftlichen Bedingungen ist längst in den Hintergrund getreten. So sehr auch andere Diskussionen gerade geführt werden müssen, so sehr gerade jetzt kritische Blicke auf die Praktiken von Staat und Politik notwendig und richtig sind, finden wir es doch bedenklich wie schnell das Thema in der kollektiven Erinnerung und Bewusstsein verloren gegangen ist. Es ist umso bedenklicher, da, wie wir in den letzten Tagen gezeigt haben, Rechte erstens weiter aktiv sind und zweitens in der sog. Corona-Krise mit ihren Antworten Zuspruch gewinnen.

Wie können offensive, antifaschistische Reaktionen dagegen in einer Zeit aussehen, in der jeglicher Protest durch die Polizei aufgelöst wird, selbst wenn Abstandsregeln eingehalten werden? Zunächst ist uns wichtig, die ideologische Aufladung rechter Krisenerklärungen offenzulegen: Letztlich werden hier kein neues Wissen oder bahnbrechende Erkenntnisse geliefert, sondern neuen Phänomenen mit dem gleichen, alten, bekannten Ideologieset begegnet. Dieses besteht zunächst und vor allem aus Antisemitismus, aus dem Glauben an eine globale, geheime Elite, die die Verantwortung für SARS-CoV-2 trüge. Vernichtungsphantasien und der Wille zum Pogrom werden hier ebenso mitgedacht, wie die rassistische Zuschreibung von Krankheit auf eine kulturell und/oder biologisch definierte Gruppe der Migrant*innen. Der Ausweg könne dann nur eine völkisch-nationalistische Bewegung sein, die sich der Eliten entledige und alles Schwache in der Gesellschaft beseitigt. Dann ist es nur folgerichtig, wenn Maßnahmen gegen das Virus aus der Perspektive von „survival of the fittest“ kritisiert werden. Eine solche Gesellschaftsidee trägt offensichtlich alle Kennzeichen einer faschistischen Vorstellung von Volk, Staat und Nation.

Was tun dagegen? Die bürgerlichste Forderung wäre, sich nicht selbst an der Verbreitung dieser Ideologien zu beteiligen. Kein*e Faschist*in zu sein, ist immer hilfreich. Rechte Aktivitäten und Strukturen zu beobachten, sie on-und offline einzuschränken wo es geht, auch. Aber besonders wenn rechte Ideologien eine menschenverachtende Praxis nicht nur nahelegen, sondern diese auch ausgeführt wird, muss dieser offensiv begegnet werden. Zum Schutz von Geflüchteten auf den griechischen Inseln, in der Vorstadt oder Nachbarschaft. Wenn Tafeln und andere Hilfsangebote von rechts geführt werden. Zum Schutz marginalisierter Gruppen vor Gewalt, racial profiling und Prekarisierung. Wenn nach dem Mord an Walter Lübcke wieder Akten und Asservate verschwinden und rechter Terror wieder einmal unaufgeklärt bleibt.

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